Gitterstäbe

Der Knast singt

Dimitri war in einer christlichen Familie in der Nähe Moskaus aufgewachsen; seine Eltern hatten ihn immer mit zur Kirche genommen. Doch im Laufe der Jahrzehnte hatte der Kommunismus nach und nach die meisten Kirchen geschlossen oder zerstört und viele Pastoren oder Laienprediger kamen ins Gefängnis. Ihre Frauen drängte man zur Scheidung, ihre Kinder wurden in der Schule von Lehrern und Mitschüler öffentlich wegen der „rückständigen, verräterischen und antikommunistischen Einstellung“ ihrer Familie lächerlich gemacht. Die meisten jungen Menschen aus gläubigen Familien durften nur unter der Bedingung studieren, dass sie dem Glauben ihrer Eltern absagten; andernfalls konnten sie nur die einfachsten Berufe ergreifen.

Strategie

Die Strategie der Regierung war klar: Sie würde alles Nötige tun, um zu verhindern, dass der Glaube an Jesus an die nächste Generation weitergegeben wurde, denn davor hatten sie am meisten Angst!

Als Dimitri erwachsen war, lag die nächste Kirche, die es noch gab, drei Tagesmärsche entfernt. Es war seiner Familie unmöglich, öfter als ein oder zwei Mal im Jahr einen Gottesdienst zu besuchen. Aus der Sorge heraus, dass seine Kinder ohne biblische Unterweisung aufwachsen würden, beschloss er eines Tages zusammen mit seiner Frau, einmal in der Woche abends seinen Kindern Geschichten aus der Bibel vorzulesen und ihnen so gut er das ohne theologische Ausbildung konnte, die Geschichten zu erklären. Es kam der Tag, an dem die Kinder mehr wollten als die biblischen Geschichten:
„Papa, können wir nicht auch Lieder singen, die Leute in der richtigen Kirche auch singen?“ Also brachten Dimitri und seine Frau ihnen die alten Kirchenlieder bei.

In einem kleinen Dorf bleibt nichts lange verborgen. Die Nachbarn bekamen mit, was da bei Dimitri vorging. Einige fragten, ob sie auch zu diesen Andachten kommen durften. Dimitri beteuerte, dass er doch keinerlei Ausbildung hatte und kein Pastor war, aber das schien seine Nachbarn nicht zu schrecken. Bald versammelte sich in seinem Haus ein kleiner Kreis von Leuten, um die Bibel zu lesen, sich auszutauschen, zu singen und zu beten. Als die kleine Schar wuchs, nahmen auch die Behörden von ihr Notiz. Sie drohten ihnen schwerwiegende Konsequenzen an, wenn sie nicht sofort ihre illegale Kirche schließen würden.

Dimitri verteidigte sich mit den Worten: „Ich habe keine theologische Ausbildung, ich bin kein Pastor und mein Haus ist keine Kirche. Wir kommen einfach unter Freunden zusammen, tauschen uns über die Bibel aus, singen und beten und manchmal legen wir auch etwas Geld zusammen, um einem armen Nachbar zu helfen. Wie können sie das eine Kirche nennen?“

Als die Gruppe immer mehr wuchs, machten die Behörden ihre Drohung wahr. Dimitri verlor seinen Arbeitsplatz, seine Frau ihre Stellung als Lehrerin und die Kinder wurden von der Schule verwiesen.

Aber das Ehepaar lies sich nicht einschüchtern und machte weiter und die Schar ihrer Zuhörer wurde immer größer. Eines Abends während sie gerade Lieder sangen, wurde Dimitri verhaftet und ins Gefängnis gesperrt.

17 Jahre Gefängnis

1000 Kilometer von seiner Familie entfernt begann für ihn eine 17 lange Jahre dauernde Leidensgeschichte, die er uns mit leiser Stimme erzählte:
Es war keine frisch-fromm-fröhliche „Das habe ich mit Jesus erlebt – Geschichte“ die wir so gerne hören. Er sprach von Schweiß, Blut und Tränen, von Kindern, die ohne Vater aufwachsen mussten, von einer Familie, die ohne den Vater kaum über die Runden kam. Es war die Geschichte einer Familie, die sich geweigert hatte, Jesus loszulassen und damit aufzuhören, ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn die Gute Nachricht zu erzählen:

Dimitris Zelle war so klein, dass es von seiner Pritsche nur ein einziger Schritt war zur verschlossenen Tür oder zur der stinkenden offenen Toilette in der hinteren Ecke. Aber noch schlimmer für Dimitri war, dass er hier der einzige Christ unter 1.500 hartgesottenen Kriminellen war.

Durchhaltevermögen

Was gab ihm in all den Jahren der Einsamkeit, Erniedrigung und Folter die Kraft seinen Glauben zu bewahren? Dimitri nannte zwei Dinge – zwei geistliche Übungen, die er von seinem Vater übernommen hatte und ohne die sein Glaube nicht überlebt hätte: Die ganzen 17 Jahre stellte Dimitri sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang neben sein Bett, nahm Haltung an, hob seine Arme zur Ehre Gottes und sang ein Jesuslied.

Die Reaktion der übrigen Gefangenen war vorhersehbar: Dimitri schilderte ihr Gelächter, Gejohle und ihre Flüche. Einige schlugen wütend mit ihren Metallbechern gegen die Gitterstäbe. Sie bewarfen ihn mit Essensresten, manchmal sogar mit Exkrementen, um ihn zum Schweigen zu bringen und so das einzige wahre Licht auszulöschen, das jeden Morgen in diese Finsternis leuchtete.

Die zweite geistliche Übung, die Dimitri eisern einhielt war:
Wenn er irgendwo im Gefängnis ein noch so kleines Stück Papier fand, schmuggelte er es in seine Zelle. Dort holte er einen Bleistiftstummel, oder ein Stück Holzkohle und schrieb damit alle Bibelverse auf, an die er sich gerade erinnern konnte. Diesen vollgeschriebenen Papierfetzen heftete er mit Wasser, das von seiner Decke tropfte, an den Betonpfeiler seiner Zelle. Jedes Mal wenn ein Wärter so einen Papierfetzen fand, nahm er den Zettel ab, las ihn, gab Dimitri ordentlich Prügel und bedrohte ihn.

Doch Dimitri weigerte sich, mit seinen beiden geistlichen Übungen aufzuhören. Jeden Tag stand er frühmorgens auf und sang sein Jesuslied. Wenn er einen Fetzen Papier fand, schrieb er Bibelverse und Worte der Anbetung darauf und las sie heimlich bis man sie ihm wieder abnahm. Dies ging Jahr um Jahr so weiter.

Aufgeben

Zuhause drangsalierten die Behörden seine Familie auf unbeschreibliche Weise. Die Gefängniswärter erzählten Dimitri, dass seine Frau ermordet worden war und seine Kinder unter staatlicher Vormundschaft standen. An diesem Punkt brach Dimitris Widerstand. Er sagte Gott, dass er nicht mehr konnte. Den Wärtern erklärte er: „Sie haben gewonnen! Ich unterschreibe alles, wenn ich nur hier rauskomme und zu meinen Kindern darf.“ Die Wärter setzten ein Geständnis auf, das er am nächsten Morgen unterschreiben sollte und in dem er seinem Glauben an Jesus absagen sollte. An diesem Abend saß er in tiefster Verzweiflung in seine Zelle.

Gleichzeitig spürte 1000 km entfernt seine Familie durch den Heiligen Geist seine Verzweiflung und Anfechtung. Sie knieten sich nieder und begannen laut für Dimitri zu beten. Und der Heilige Geist tat ein Wunder, so dass Dimitri die Stimmen seiner geliebten betenden Familie 1000 km entfernt in seiner Zelle hören konnte. Als am nächsten Morgen die Wärter mit den Papieren in seine Zelle marschierten, strahlten Dimitris Augen und er erklärte den verdutzten Wärtern:
„Ich unterschreibe gar nichts! In der Nacht hat mein Gott mich die Stimmen meiner Frau und Kinder hören lassen, wie sie für mich beteten. Ihr habt mich angelogen! Ich weiß jetzt, dass meine Frau lebt und dass meine Kinder bei ihr sind, und dass sie alle nach wie vor an Christus glauben.“

Treue

Die Wärter fuhren fort ihn noch mehr zu drangsalieren, doch Dimitri blieb treu. Eines Tages als die Wärter ein besonders großes Blatt mit Bibelversen in seiner Zelle fanden, schlugen sie ihn und er sollte nun mit dem Tod bestraft werden.

Sie schleiften Dimitri aus seiner Zelle hinaus und den Mittelgang des Gefängnisses entlang. Aber da geschah das Unglaubliche:

Bevor sie die Tür zum Hof erreichten, wo sie Dimitri erschießen wollten, standen 1.500 hartgesottene Kriminelle von ihren Pritschen auf, nahmen Haltung an, und begannen zu singen. 1.500 Kriminelle erhoben die Hände und sangen das Jesuslied, das Dimitri ihnen all die Jahre jeden Morgen vorgesungen hatte.

Die Wärter ließen ihn erschrocken los und wichen zur Seite. Einer fragte mit zitternder Stimme: „Wer bist du?“ Dimitri erwiderte: „Ich bin Kind des lebendigen Gottes, der Jesus Christus heißt!“

Die Wächter brachten ihn in seine Zelle zurück. Nicht lange danach wurde er freigelassen und konnte zu seiner Familie zurückkehren.

Zusammengefasste Geschichte aus:
„Gottes unfassbare Wege – Wie mein Glaube durch verfolgte Christen radikal erneuert wurde“
Nik Ripken S.158ff. BRUNNEN/OpenDoors

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