wurzel

Loslassen oder fest verankert

Dieser Baum scheint fest verankert zu sein. Auch wenn das ein oder andere Hochwasser die Wurzeln teilweise freigespült hat, gehen diese so tief, dass er fest steht.

Fest verankert ist nicht immer gut

Über viele Jahre habe ich meinem Vater vorgehalten mich unrecht zu behandeln. Ich habe daran festgehalten, dass er mir etwas schuldig ist. Und über die Jahre hat sich meine Haltung immer mehr verfestigt, so dass nicht einmal mehr ein Fluss diese Wurzeln hätte frei spülen können. Es spielte schon keine Rolle mehr, ob es nun so war oder nicht. Jede Botschaft die damit in Verbindung gebracht werden konnte, brachte ich damit in Verbindung und da konnte man sicher sein.

"Mein Opa war sehr ungerecht zu meinem Vater und so tat mein Vater das Gleiche mir an." Durch diesen logischen Schluss versuchte ich das Verhalten meines Vaters zu entschuldigen und so den Schmerz zu lindern. Dabei unterlief mir ein entscheidender Fehler.

Schmerz ist ein Signalgeber, der uns anzeigt, dass etwas nicht stimmt. Ein wunderbares Warnsystem unserer Seele, das uns zum Loslassen, zum Vergeben auffordert.

Häufig lautet unsere Antwort auf eine Vergebungsbitte: "Schon vergessen, war nicht schlimm!" Durch diese unwahre, aber höfliche Art unterdrücken wir den Schmerz.

Auch falsche Loyalität gegenüber unseren Eltern hindert uns am Vergeben. Wir sind nicht unloyal wenn wir die Wahrheit sagen, aber wenn wir richten.

Vergebung ist schwer, wenn wir deren Charakter nicht wirklich verstehen.

Nach der für mich erschreckenden Nachricht, dass mein Vater Prostata CA im fortgeschrittenen Stadium hat, treffen wir uns. Es geht ihm noch so gut, dass wir einen Spaziergang im Wald machen können. Wir sprechen über die letzten Jahre und ich bedanke mich bei Ihm, dass er uns bei unserem Hausbau geholfen hat.

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Vergeben bedeutet loslassen

Da geschieht etwas Unverhofftes: Wir beginnen beide zu weinen. Wir liegen uns einfach in den Armen und ich lasse alle Forderungen los. In dem Moment spüre ich: "Es ist es nicht Wert irgend etwas festzuhalten." Das Besondere: Es findet nicht nur Vergebung, sondern auch Versöhnung statt, denn mein Vater tut das gleiche.

Er stirbt zwei Monate später mit 72 Jahren und ich habe versöhnt Abschied genommen. Ich bin so glücklich darüber.

Man muss nicht warten, bis jemand im Sterben liegt. Der kluge Mensch versteht die Signalgefühle und lässt los.

D. Supper 08.06.2015

© schon erlebt